Tagesspiegel-Artikel von Gideon Heimann, erschienen am 4.November 1995:

Wahre Perlen, im Hinterhof gut versteckt
Kreuzberger Architekt baute sich sein kleines Motorradmuseum auf - Auch Teileverkauf

Stefan Klinkenberg ist Architekt und ein bißchen in Eile. Das Mororradmuseum in der Köpenicker Straße 8 in Kreuzberg betreibt er nämlich nur zum Spaß.
Die Kosten von etwa 7000 Mark im Monat bringt es gerade so ein, eben ein Nullsummenspiel, mit Glück. Überhaupt, Museum ist zuviel oder zuwenig gesagt, ganz wie man's sieht. Vielleicht nähert man sich dem Thema besser, indem man Klinkenberg beschreibt: Baujahr 1955, Vater von vier Kindern und zu Motorrädern ist er über den Zivildienst gekommen. Da arbeitete der gebürtige Kölner in einem Freizeitheim mit Jugendlichen, mit 14- bis 16jährigen, die mit Zweirädern nur zwei Dinge im Sinn hatten: Sie zu klauen und damit eine Spritztour zu machen.
"Wir haben uns dann Mopeds vom Schrott besorgt und wieder aufgebaut, tja, und da begann's". Damals mußte er sich noch Basteltips von seinem Bruder holen, Klinkenberg hatte bis dahin nur Nähmaschinen und Fotoapparate gesammelt: "Das war ja nun wirklich leichter unterzubringen."
Neben der Architektur und Technik - sowie Kunstgeschichte studierte er auch noch Archäologie. Und das sieht man manchen der insgesamt vielleicht 15 Motorrädern auch an, die in dem Ausstellungsraum neben den spitzenmäßig Restaurierten stehen. "Naja, das Schönste sind die Maschinen, die in Würde gealtert sind, die mit Gebrauch und Pflege zugleich in die Jahre gekommen sind." Aber die sind selten, denn meist werden solche Gebrauchsgegenstände einfach abgenutzt, bis sie wirklich nur noch Schrott sind. Und dann kommt nach Jahrzehnten einer, der sie wieder in den fabrikneuen Glanz versetzt. Oder auch nicht. Es soll eben vom Zustand her gemischt sein, nicht alles so nagelneu wie die NSUs aus den 20er Jahren, mit Tankschaltung oder die 500er Gold Star (Baujahr 1962) aus der englischen Waffenschmiede BSA. Rund 60 Stück nennt Klinkenberg sein Eigentum, gezeigt wird immer nur eine Auswahl.
Einiges steht durchaus zum Verkauf, wie etwa die restaurierte BMW R 51/2, 500 Kubik für 14.000,00 DM oder der unrestaurierte Zündapp-Bella Roller für 1.950,00 DM. Die 1932er Norton jedenfalls, das Modell 19 mit 600 Kubik, wird nicht weggegeben.
Und sonst? Da verkauft Klinkenberg Motorradteile. Auf einem Regal hängen reihenweise Auspuffkrümmer mit der typischen Horex-Form, auf anderen stapeln sich Motoren, Getriebe und andere Teile. Eigentlich habe er sich spezialisiert auf BMW, Horex und Steib-Seitenwagen, insgesamt auf deutsche Vor- und Nachkriegsmodelle.
Das sagt er in vollem Ernst, während ihn der geöffnete Ventilsatz eines russischen BMW-Boxer-Nachbaus, sowie reihenweise englische Eintöpfe anlachen. Gefragte Teile für alte Motorräder gibt er bei Metallbearbeitern in Auftrag, eine Vitrine kündet von den kleinen und mittleren Serien der Nachbauten nach Original-Muster. Vertrieben werden sie nicht nur im Museum, sondern vorwiegend an Händler, die auf Oldtimermärkten ihre Ware anbieten. Über sie kommt er auch an andere Teile, die er verkauft.
Ansonsten gibt's bei Klinkenberg auch eine Menge Literatur, alte Betriebsanleitungen zum Beispiel, oder Ersatzteilkataloge sowie Bücher über Oldtimer.
Und wo findet man das Museum? In einem Hinterhof, von der Straße aus weist nur ein kleines Schild auf die Schätze hin. Eine Gruppe von zwölf Leuten, der auch Klinkenberg angehört, hatte den Gebäudekomplex 1984 gekauft und wieder in Schuß gebracht.
Die Öffnungszeiten? Sie sind zu kompliziert, montags und dienstags ist eh zu. Am besten ist es samstags von 9.00 bis 16.00 Uhr. "Da hab' ich auch mehr Zeit zum Plaudern", sagt Klinkenberg. Derweil bastelt Andreas Stein vor sich hin, während Rainer Pobloth an einer Bestellung schreibt, aber beide nur ein paar Stunden am Tag, denn sie helfen Stefan Klinkenberg, den Teilehandel zu bewältigen.

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